05.04.2019

Landwirtschaft im Klimawandel

Gleich zu Beginn stellte der Ökonom Prof. Dr. Thore Toews fest, dass der Mensch an sich ein egoistisches Wesen sei und u.a. durch sein Konsumverhalten den Klimawandel befeuere. Er hegte aber die Hoffnung, dass wir über unseren Verstand, mit dem Wissen über unser klimaschädigendes Verhalten, den Egoismus überwinden könnten. Ausdrücklich lobte er die Schwedin Greta Thunberg, die voller Vernunft und ohne Eitelkeit auf Maßnahmen zum Klimaschutz dränge. Auch die Energiepolitik müsse sich verändern, insbesondere durch höhere Treibstoffpreise. Dies sei zwar unpopulär, aber richtig und wirksam.

Regino Esch, Vorsitzender von Bioland Rheinland-Pfalz/Saarland, erläuterte, dass auch die Biobetriebe gegen Ende des Sommers an ihre Grenzen gekommen seien. Es sei zu lange zu heiß und vor allem zu trocken gewesen. Breiter aufgestellte Betriebe haben die Schäden aber besser kompensieren können, zudem könne von der Waldwirtschaft gelernt werden, die z.B. auf die Durchmischung von Pflanzenarten setze. Die Biolandwirtschaft wolle und müsse weiter wachsen, konventionelle Bauern müssten durch die Bevölkerung beim Umstieg zur ökologischen Landwirtschaft unterstützt werden. Um im Klimawandel bestehen zu können, müsse u.a. artenreicher angebaut und die Fruchtfolgen eingehalten werden. Der Fleischkonsum müsse reduziert werden, zudem brauche es regionale Vermarktungssysteme. Die Gesellschaft müsse dies fordern, die Politik müsse dies wollen und die Landwirtschaft müsse dies umsetzen.

Michael Horper, Präsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Nassau e.V. hält die Landwirtschaft als traditionellen und großen Wirtschaftszweig Deutschlands und Europas für unbedingt schützens- und erhaltenswert. Die Subventionen aus Brüssel hätten zu bleiben, damit deutsche Landwirte auf dem Weltmarkt bestehen könnten. Auch die Tierkrankheiten seien ein wachsendes Problem für die Landwirte. Der Klimawandel sei derart folgenreich und bringe viele verschiedene Probleme, dass eine Risikoversicherung für die Landwirtschaft keine Lösung sei. Die Landwirtschaft habe sich immer den wandelnden Bedürfnissen der Gesellschaft angepasst und diese ernährt - nun werde sie sich erneut verändern müssen und wollen, dies brauche aber Zeit. Dennoch könne er bestätigen, dass der ökologische weniger schädlich für das Klima als der konventionelle Anbau sei.

Für den Weinanbau erklärte Herr Prof. Dr. Randolf Kauer, dass sich nach seinen Erfahrungen der Wein bis jetzt durch den Klimawandel stark verändert habe. Südländische Rebsorten wie Merlot und Cabernet Franc könnten jetzt in unserer Region zusätzlich angebaut werden. Problematisch für die Qualität des Rieslings sei der wachsende Zuckergehalt und die abnehmende Säure, was zu 'langweiligeren' Weinen führe. Forschungen hätten ergeben, dass sich der CO2-Anstieg auch auf Reben auswirke, die mit einer schnelleren Reifung reagierten. Ein großes Problem sei der Wassermangel und die Zunahme der Starkregenereignisse, zukünftig werde besonders in Flachlagengebieten eine künstliche Bewässerung nötig werden. Die Fläche für Bioweinanbau habe in den letzten Jahren deutlich zugenommen, zu giftigen Pflanzenschutzmitteln gebe es viele Alternativen wie Kupferpräparate, Schwefel und Bikarbonate.

Die beiden Spitzenpolitiker von Bündnis90/Die Grünen Jutta Paulus und Martin Häusling ergänzten die spannende Debatte neben einem genauen Überblick über Fakten und Zahlen auch mit einer pointierten Argumentation. Seit ca. 30 Jahren werde es wärmer auf der Erde. Die letzten 20 heißesten Sommer habe es in den letzten 22 Jahren gegeben. Der Ausstoß klimaschädlicher Gase würde u.a. massiv steigen, wenn die Permafrostböden in der Antarktis und in Sibirien weiter auftauten. Das dort noch im Boden gebundene Methangas sei 27 mal so schädlich für unser Klima wie CO2. In den kommenden 20 Jahren müsse wirksam reagiert werden, da ansonsten der Klimawandel kaum noch durch den Menschen steuerbar sei – bis 2050 könne man nicht mehr untätig warten. Die konventionelle Landwirtschaft mache Europa durch Importe von Viehfutter wie Soja aus Brasilien stark abhängig, durch die langen Transportwege sei sie zudem sehr klimaschädlich. Die enorme Produktion billigen Fleisches, das dann häufig nach China und Japan exportiert werde, sei nicht mit dem Tierwohl vereinbar und  umweltschädlich. Hierzulande entstünde dadurch ein Gülle- und Nitratproblem. Durch Monokulturen und giftige Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat würde der für uns und unsere Welt notwendige Erhalt der Artenvielfalt weiter verhindert werden – das extreme Vogelsterben zeige, dass in unserem System durch den Pestizid-, Insektizid- und Herbizideinsatz etwas ganz grundlegend falsch laufe. Nachhaltige Landwirtschaft müsse biologisch und regional sein, viele heute selten gewordenen Nutzpflanzen (wie z.B. Emmer) brächten zwar etwas weniger Ertrag, seien aber von Natur aus resistenter und bedürften keiner künstlichen Pflanzenschutzmittel und weniger Düngung. Die Fruchtfolge bestehe heute meist nur aus Raps, Mais und Weizen, es fehlten aber z.B. Leguminosen als Blühpflanzen. Auch müssten LandwirtInnen durch europäische Marktregeln vor existenzbedrohenden Preissenkungen geschützt werden.

Unter allen ExpertInnen bestand Konsens in der Forderung nach einer Besteuerung von CO2, durch die viele Bereiche klimafreundlicher würden, etwa der Warentransport. Die Preise für CO2-Zertifikate müssten jährlich festgelegt werden, damit die Wirtschaft Planungssicherheit habe. Große Einigkeit herrschte auch darin, dass die Landwirtschaft sich verändern müsse, um im Klimawandel zu bestehen und seinen Beitrag zur Abschwächung des Klimawandels beitragen zu können. Das gehe nur mit allen gemeinsam – möglichst alle Bäuerinnen und Bauern müssten bei ihren Betrieben anfangen, zudem ist die Akzeptanz der Bevölkerung für politische Maßnahmen nötig. Mit diesem starken Appell und weiteren kleinen angeregten Diskussionen klang ein erfolgreicher Abend aus.



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